Monatsarchiv für März 2008

Der Spanische Erbfolgekrieg 2.2: Überraschende Genesung Josefs

Montag, den 31. März 2008

Schon auf dem Sterbebett liegend und von den Pocken schwer gezeichnet, erfuhr Joseph vom plötzlichen Umschwung der britischen Politik. Auf einem Auge erblindet und von zeitweiligen Lähmungen ergriffen, schienen diese Informationen einen neuen Widerstandswillen in Joseph zu erwecken und nach und nach besserten sich seine Symptome; die Eiterpusteln begannen auszutrocknen, auch wenn sie schwere Narben hinterließen und die Erblindung des rechten Auges irreparabel war, besserte sich sein Zustand beinahe täglich.
Joseph und seinen Beratern war aber auch klar, dass eine reine Besserung seines gesundheitlichen Zustandes kein erneutes Umschwenken der britischen Politik hervorrufen würde, da die Tory-Regierung insgesamt zu wenig an einer kontinental orientierten Politik interessiert war.
Joseph wollte Tatsachen schaffen und schickte sofort nach dem sich noch auf dem Schlachtfeld befindenden Prinz Eugen.
Prinz Eugen Franz von Savoyen-Carignan, kurz: Prinz Eugen
Gleichzeitig ließ er in den gewonnenen Gebieten Italiens groß angelegte Konfiszierungen von Schiffen vornehmen und rüstete eine neue Armee aus, die die österreichischen Truppen in Katalonien verstärken und von dort einen neuen Angriff auf Madrid beginnen sollten.
Nur vier Wochen nach dem Beginn dieser Planungen segelte eine große Habsburger Flotte von Gafers (dem heutigen Koper) an der slowenischen Adriaküste aus nach Spanien. Die Truppen an Bord standen unter dem Befehl von Prinz Eugen.
Am 17. Juni 1711 gelang die Landung in Spanien, sofort nach der Vereinigung der Truppen mit den bereits dort befindlichen Einheiten begann der Marsch auf Madrid.
In der Zwischenzeit konnte, trotz des Ausfalls der englischen Unterstützung, eine Patt-Situation entlang des Rheines gehalten werden. Auch in den Spanischen Niederlanden kam es zu keinen offensiven Manövern der Franzosen, da diese die gerade begonnenen Verhandlungen mit Großbritannien nicht gefährden wollten.

Der Spanische Erbfolgekrieg 2.1: Schwere Erkrankung Josef I.

Samstag, den 29. März 2008

Im frühen 18. Jahrhundert grassierte in Europa eine Pockenepidemie, der jährlich ca. 400.000 Menschen zum Opfer fielen. Vor allem London wurde immer wieder von schweren Krankheitswellen heimgesucht. Von 1700 bis 1706 gab es auch im nord- und mitteldeutschen Raum eine große Epidemie, die sich bis 1709 und dann vor allem 1711 nach Süddeutschland und Österreich (hier insbesondere in Kärnten) ausbreitete.
Auch der römische-deutsche Kaiser Joseph I. erkrankte schwer an den Pocken und sofort stellte sich die Frage seiner Nachfolge.
Joseph hatte keine Nachkommen, die für den Thron in Frage gekommen wären. Sein 1700 geborener Sohn Leopold Joseph war bereits im Alter von einem Jahr verstorben. Seine beiden Töchter Maria Josepha (1699–1757) und Maria Amalia (1701–1756) kamen auf Grund der Erbfolgeregelungen der österreichischen Erblande nicht in Frage. Ohnehin müsste der neue Kaiser gewählt werden, wobei diese Krone meist den Habsburgern zufiel. Heilig Römischer Kaiser Joseph I.
So kam als potentieller Erbe der Würden Österreichs und als habsburgischer Kandidat für den Kaiserthron nur Josephs Bruder Karl in Frage, dem, nach den Plänen der Großen Allianz, aber die Krone Spaniens zufallen sollte.
Vor allem für Großbritannien bedeute diese neue Konstellation die Notwendigkeit zu einer neuerlichen Begutachtung der Lage.
Nun drohte nämlich nicht mehr nur eine bourbonische Hegemonie auf dem Kontinent, sondern auch die Aussicht auf einen römisch-deutschen Kaiser, der darüber hinaus die Kontrolle über die wiedervereinten Habsburger Erblande der österreichischen und der spanischen Linie erlangt hätte, das britische Konzept einer von Großbritannien gelenkten kontinentalen Balance of Power (damit Großbritannien selbst auf den Meeren der Welt und in Übersee zur einzigen Weltmacht aufsteigen konnte) zu gefährden.
Hinzu kam eine bedeutende Änderung in der englischen Politik. Die Whigs, die traditionellen Vertreter einer Balance-of-Power-Politik waren in der britischen Regierung von den Tories abgelöst worden. Diese standen aber für die so genannte Blue-Water-Policy, eine Politik, die ein Fokussierung der englischen Interessen auf Übersee und eine Nichteinmischung in europäische Belange vorsah.
Die neue Tory-Regierung überlegte nun, den britischen Heerführer, den Duke of Marlborough, der für Loyalität gegenüber dem Königshaus (das wegen seiner Besitzungen in Hannover eher an einer dem Kontinent zugewandten Politik interessiert war) und Anhängerschaft zu den Whigs bekannt war, durch James Butler, den 2.Duke of Ormonde zu ersetzen. Dieser sollte dann an Stelle einer offensiven Haltung eine abwartende einnehmen.
Unter diesen Voraussetzungen begann die britische Regierung Friedensverhandlungen mit Frankreich im niederländischen Utrecht.
Bei diesen Verhandlungen war es das Ziel der Briten, eine Teilung der spanischen Besitztümer unter Überlassung der Krone an Philippe, zu erreichen.
Aber schon bald sollten die Ereignisse eine erneute Wende nehmen…

Der Spanische Erbfolgekrieg 1.3: Kriegsverlauf bis 1711

Donnerstag, den 27. März 2008

Der entscheidende Anlass für Großbritannien von der reinen Drohkulisse, die durch die Große Allianz gegenüber Frankreich aufgebaut worden war zu offensiven Kampfhandlungen überzugehen war einerseits die Besetzung der niederländischen Barrierefestungen in den Spanischen Niederlanden durch Frankreich. Andererseits schloss Frankreich einen Vertrag mit Portugal und Spanien, der ihm die Kontrolle über nahezu alle Häfen gab, die zur Erlangung der Vorherrschaft im westlichen und zentralen Mittelmeer von Bedeutung waren.
Zusätzlich schlossen Frankreich und Spanien einen Vertrag, der Frankreich die Exklusivrechte zum Handel mit den spanischen Kolonien in Übersee gab.
Die folgenden Kampfhandlungen brachten Frankreich an den Rand einer schweren Niederlage.
Zeitweilig gelang den Alliierten sogar die Einnahme Madrids und auch wenn dieses nicht gehalten wurde, konnte Großbritannien (wobei die Verwendung dieses Namens nicht ganz korrekt ist, da dieser erst 1707 nach dem Act of Union mit Irland angenommen wurde, der Einheitlichkeit wegen wollen wir aber dabei bleiben) zusammen mit seinen Verbündeten aber spektakuläre Erfolge erzielen. So fiel Gibraltar an Großbritannien, was bis in unsere Tage in seiner strategischen Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann, daneben Menorca und Barcelona mit seinem Umland.
Große Erfolge gelangen auch mit der Befreiung der Barrierefestungen in den spanischen Niederlanden und den Siegen in den Schlachten von Ramillies, Oudenaarde und Malplaquet (wobei die Wertung dieser Schlacht in der Forschung umstritten ist) unter der Führung des britischen Oberbefehlshabers John Churchill (dem ersten Duke of Marlborough und direktem Vorfahren Winston Churchills) und des österreichischen Heerführers Prinz Eugen von Savoyen.
Diesen beiden war es auch schon gelungen der größten französischen Streitmacht in der Schlacht von Höchstädt (in Bayern) eine vernichtende Niederlage beizubringen und somit jegliche Gefahr von den österreichischen Kernlanden abzuwenden. Zudem gelang es damit, den französischen Verbündeten Bayern gänzlich aus dem Kriegsgeschehen zu isolieren.John Chruchill 1st Duke of Marlborough
Auch in Italien wurden bis 1708 die französischen Truppen vernichtend geschlagen und zwischen 1706 und 1708 fielen Mailand, Parma, Neapel, Mantua und Sardinien an die Alliierten, was zur Generalkapitulation der spanischen und französischen Truppen auf der Appenin-Halbinsel führte in deren Folge alliierte Armeen bis weit nach Südfrankreich vordringen konnten.
So stand Frankreich in diesen Jahren kurz vor einem Zusammenbruch aller seiner Fronten und von den Spanischen Niederlanden drohten die Truppen Marlboroughs in Richtung Paris vorzustoßen. Lediglich entlang des Rheins in Süddeutschland konnte in den Gefechten gegen die Truppen der Vorderen Reichskreise und des Reichs unter Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden eine Pattsituation erreicht werden.
Dann aber kam es 1711 zu einem Ereignis, dass den ganzen Krieg in ein neues Licht hätte rücken können…

Der Spanische Erbfolgekrieg 1.2: Die Bildung der Großen Allianz

Dienstag, den 25. März 2008

Die Nachricht über den Inhalt des Testamentes wurde in den Hauptstädten der anderen Mächte unterschiedlich aufgenommen. Ludwig XIV. sah darin die Möglichkeit, die Macht und den Ruhm seines Hauses deutlich auszudehnen. Er war sich aber durchaus des Risikos eines großen europäischen Krieges bewusst, rief aber am 16. November 1700 dennoch seinen Enkel – unter Zustimmung des größten Teils Spaniens – zum König von Spanien aus.
In den Hauptstädten Englands und der Vereinigten Niederlande reagierte man mit „Verblüffung“ auf das Testament und den Bruch des Teilungsvertrages durch den französischen König. Für Österreich waren weder das Testament – schon der Teilungsplan wäre wegen der dadurch entstandenen Hegemonie Frankreichs in Italien nicht akzeptabel gewesen – noch die Ausrufung Philipps zum spanischen König als Philipp V. akzeptabel.
Auch wenn England und die Vereinigten Niederlande nicht unmittelbar mit militärischen Mitteln auf die Ausrufung Philipps reagierten, so provozierten die weiteren Schritte Ludwigs XIV, Wilhelm III. von Oranien, in Personalunion König von England und Statthalter der Vereinigten Niederlande, mit Leopold I. Verhandlungen aufzunehmen, die zur Wiederbelebung der Großen Allianz gegen Frankreich führten.
So bildete sich eine Allianz gegen Frankreich, der neben England, den Vereinigten Niederlanden und Österreich auch Portugal (ab 1703), Savoyen (anfangs auf der Seite Frankreichs, ab 1703 auf der Seite der Allianz), Dänemark (1704-1709) und nahezu alle Fürsten des deutschen Reichs, vor allem zu nennen sind hier Hannover, Brandenburg-Preußen und die Vorderen Reichskreise, sowie nach der Reichskriegserklärung im September 1702 auch das Reich selbst angehörten.
Die Bündnisse und Allianzen im Spanischen Erbfolgekrieg
Auf der Gegenseite standen Frankreich, Spanien, Savoyen (bis 1703) und aus dem Reich die Wittelsbacher Fürstentümer Köln (mit Lüttich) und Bayern sowie Braunschweig-Wolfenbüttel - und, wenn auch ohne entscheidenden Einfluss, kurzeitig der Kirchenstaat (1708/09) .
Die Ziele der Großen Allianz waren durchaus heterogen. Während es dem Haus Habsburg vornehmlich um das Sichern der spanischen Lande für die eigene Dynastie ging hatten England und die Vereinigten Niederlande auch Interesse in Übersee, vor allem ging es ihnen aber darum, Frankreich an einem möglichen Zugriff auf die spanischen Niederlande zu hindern. Eine Besetzung der wohlhabenden Gebiete Flanderns hätte einerseits englische Handelinteressen bedroht, andererseits aber auch die Gefahr einer französischen Invasion in England deutlich erhöht. Die Vereinigten Niederlande, die alleine Frankreich nicht militärisch gewachsen waren sahen in einem Ausgreifen Frankreichs mit dem etwaigen Verlust der spanischen Niederlande als Puffer vor dem eigenen Land als ein massives Sicherheitsrisiko an. Ihr vordringliches Ziel war also die Sicherung der eigenen Nation und dazu die weitere Nutzung der Barrierefestungen in den spanischen Niederlanden als Verteidigungspuffer gegen ein französisches Ausgreifen.
Das Reich sah sich auch immer durch den französischen Einfluss gefährdet, was vor allem auf die in der Nördlinger Allianz zusammengeschlossenen Vorderen Reichskreise zutraf.
Die Reichsstände, die auf der Seite Frankreichs standen, in der Hauptsache also Köln und Bayern, die vom Hause der Wittelsbacher regiert wurden erhofften sich ein Aufbrechen der Habsburger Dominanz im Reich und das Erringen der Kaiserwürde für einen Vertreter des eigenen Hauses.
Frankreich schließlich verfolgte vor allem das Ziel, sich von der Habsburger Umklammerung zu befreien und einen großen Teil der Kolonien der sich im Niedergang befindenden ehemaligen Großmacht Spanien und ihrer Reichtümer zu sichern.

Der Spanische Erbfolgekrieg 1.1: Die Frage der spanischen Erbfolge

Sonntag, den 23. März 2008

Im 17. Jahrhundert regierten Herrscher aus dem Hause Habsburg große Teile Europas und der ganzen Welt. Darunter die österreichischen Lande, Ungarn, Böhmen, die spanischen Niederlande, Spanien mit seinen Kolonien in Übersee sowie weite Territorien auf der italienischen Halbinsel.
Im Jahr 1504 hatte Philipp I. als erster Habsburger den Thron Spaniens bestiegen. Sein Sohn Karl I., als Karl V. ab 1519 auch Römisch-Deutscher Kaiser, war ab 1516 König von Spanien. Dadurch lag die Herrschaft über die spanischen und österreichischen Lande, sowie das Heilige Römische Reich in der Hand eines Mannes vereint. Durch Karls Abdankung 1556 wurde die Herrschaft zwar wieder geteilt (dabei gingen die spanischen Lande an seinen Sohn Philipp, der als Philipp II. regierte und die österreichischen Lande sowie auch die Kaiserkrone an seinen Bruder Ferdinand I.), woraus sich in der Folge die spanische und die österreichische Linie des Hauses Habsburg entwickelte, aber dennoch blieben alle genannten Gebiete unter der Herrschaft Habsburgs. Vor allem für Frankreich war diese Situation der Umklammerung durch das Haus Habsburg ein ständiger Grund zur Besorgnis. Karl II von SpanienDurch den Tod Karls II., König von Spanien, im Jahre 1700 starb die spanische Linie des Hauses Habsburg aus. Dies war durch das Fehlen eines männlichen Nachkommens und den schlechten Gesundheitszustand Karls für die anderen europäischen Mächte schon frühzeitig abzusehen und so begannen die europäischen Mächte schon früh mit Versuchen, für den Fall des Todes Karls, eine für sie vorteilhafte Lösung der spanischen Frage vorzubereiten.
Vor dem Tod Karl II. gab es zwei Pläne zur Vermeidung eines europäischen Konfliktes um die spanische Krone. Beide Pläne beruhten auf Abmachungen zwischen Frankreich sowie den Seemächten England und den Vereinigten Niederlanden. Der erste Plan sah vor, das ungeteilte spanische Erbe an den bayrischen Kurprinzen Joseph Ferdinand aus dem Hause Wittelsbach fallen zu lassen. Dieser hatte selbst, als Urenkel Philipps IV. von Spanien, dynastische Verbindungen zum spanischen Thron, wenngleich diese schwächer waren als die der anderen Anwärter. Nach dem überraschenden Tod Joseph Ferdinands im Jahr 1699 wurde der erste Plan allerdings hinfällig und die drei Mächte erarbeiteten einen zweiten Lösungsvorschlag. Dieser sah vor, dass die spanische Krone an den zweiten Sohn Leopolds I. von Österreich, Erzherzog Karl, fallen sollte, der ein Enkel Philipps IV. war. Als Ausgleich dafür sollte der dritte Thronanwärter, Philipp von Anjou, Enkel des französischen Königs Ludwig XIV. und ebenfalls (über seine Mutter) Enkel Philipps IV. von Spanien, die italienischen Besitztümer Spaniens erhalten.
Karl II. indes hatte andere Pläne. So hatte er in seinem zweiten Testament, das er nach dem Tod Joseph Ferdinands verfasst hatte, Philipp von Anjou als Erben des Thrones und der ungeteilten spanischen Gebiete eingesetzt.
Die Nachricht über den Inhalt des Testamentes wurde in den Hauptstädten der anderen Mächte unterschiedlich aufgenommen. Ludwig XIV. sah darin die Möglichkeit, die Macht und den Ruhm seines Hauses deutlich auszudehnen. Er war sich aber durchaus des Risikos eines großen europäischen Krieges bewusst, rief aber am 16. November 1700 dennoch seinen Enkel – unter Zustimmung des größten Teils Spaniens – zum König von Spanien aus.